Narzissmus

Fehlende Kommunikation von Wertschätzung ist eine der Hauptursachen und das Terrain des Narzissmus. Dieser ist kein rein individuelles Problem einer kleinen Minderheit, die mit der „Narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert wurde, sondern durch die gesellschaftliche Verbreitung individueller narzisstischer Bewältigungsstrategien ein kulturelles Phänomen, das jeden von uns betrifft.

Der Begriff „Narzissmus“ wurde durch Sigmund Freud und seiner Psychoanalyse geprägt und knüpft an die Sage aus der griechischen Mythologie um Narziss an, der über einen See gebeugt, sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und daran stirbt. Der Begriff „Narzissmus“ ist damit oft auch mit Egozentrismus, Selbstverblendung, fehlender Empathie und fehlender Anerkennung für die Gefühle und Bedürfnisse anderer konnotiert. Dieser Artikel ist der längste auf dem Blog, da Narzissmus eine fundamental den Werten der GFK von Authentizität, Verbindung und Gewaltlosigkeit entgegengesetzte Haltung beherbergt. Menschen mit narzisstischem Charakter sind wahrscheinlich die größten Urheber jeder Form von Gewalt.

Caravaggio, „Narziss“, 1599

Die Grundlage für die Entwicklung der sogenannter „narzisstischer Kränkungen“, die zu narzisstischen „Anteilen“ führen können, ist der Schmerz, wenn grundlegende Bedürfnisse in der Kindheit nicht erfüllt werden. Das Heranwachsen des jungen Menschen ist eine Zeit, in der er auf seine Eltern angewiesen ist, ja ohne sie als kleines Kind nicht wirklich überleben kann. Das Kind hat Angst davor verlassen zu werden, doch muss es lernen sich selbst auch in der Gemeinschaft als selbstständiges Individuum zu behaupten und unabhängig zu werden. Das Selbstkonzept eines Heranwachsenden, sein Selbstwertgefühl, seine innere Ruhe und Sicherheit, seine Zuversicht für die eigenen Fähigkeiten und sein Vertrauen in sich selbst und in Beziehungen formen sich erst und sind abhängig von den Reaktionen (Anerkennung) anderer und deren Bewertungen.

Fundamentale Bedürfnisse, wie Wertschätzung, Anerkennung, Zugehörigkeit, Fürsorge, Nähe, Sicherheit werden vor allem durch Kommunikation von Eltern an das Kind vermittelt. Wird den Bedürfnissen des Kindes nicht anerkennend begegnet, sondern erlebt es in diesem fragilen Prozess der „Selbstwerdung“ psychische Gewalt in Form von Abwertung, Vorwurf, Verlust oder Entzug von Nähe und Strafe, wenn es versucht seine primären Bedürfnisse nach Wertschätzung, Sicherheit, Fürsorge, Verbindung und Nähe zu verfolgen, ist das ein möglicher Grundstein für eine spätere narzisstische Charakterprägung oder sogar Persönlichkeitsstörung. Körperliche Gewalt und psychische Gewalt richten dabei ähnlichen Schmerz im Geiste an. Psychische Gewalt ist eine Gewalt der Kommunikation, die das eigentliche Wesen, die Verletzlichkeit des Gegenübers nicht anerkennt und die Existenz seiner Gefühle und Bedürfnisse leugnet, oder sogar straft. Der strafende Entzug von Nähe, Anerkennung und Aufmerksamkeit sind bereits Formen von psychischer Gewalt.

Wenn ein Kind eine solche Entwertung seiner Bedürfnisse und Zurückweisung seiner Person als erlebt, wird es existenzielle Angst haben, da es nur als zugehöriger Teil seiner Gemeinschaft überleben kann. Was ist, wenn diese Gemeinschaft seine Gefühle und Bedürfnisse nicht anerkennt – also es „nicht sieht, so wie es wirklich empfindet und ist“?

Meine Definition von Narzissmus:

Narzissmus bedeutet aus Angst vor Zurückweisung seine eigenen Bedürfnisse nicht klar auszusprechen und seine Gefühle dazu zu verdrängen. Stattdessen zu versuchen unbewusst durch Manipulation mittels unauthentischer Kommunikation Kontrolle über Beziehungen zu erlangen. Das Primäre Ziel ist der Erhalt von Bindung, Fürsorge und Wertschätzung. Ein solcher Mensch ist getrieben von unbewusster kindlicher Todesangst verstoßen zu werden und seinen Schutz, Zugehörigkeit und Verbundenheit zu verlieren, die existenziell notwendig sind. Ein Mensch mit Narzissmus ist tief verängstigt darüber, wie er in Beziehungen seine Bedürfnisse regulieren kann.

Ein von psychischer oder physischer Gewalt betroffenes Kind wird anfangen die Persönlichkeitsmerkmale, die von außen auf Abwertung stoßen, zu unterdrücken und damit auch mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen den Kontakt verlieren. Ganze Teile einer Persönlichkeit können so negativ bewertet, abgespalten und ins Unbewusste verlagert, „verdrängt“ werden, denn sie verhindern das elementarste Bedürfnis eines Kindes: das nach Zugehörigkeit und Sicherheit in Beziehungen zu seinen Nächsten. Das Kind lernt, dass so, wie es ist, es nicht gewertschätzt wird – es muss „anders“ sein, sich selbst verleugnen, um nicht herabgewertet, bestraft zu werden (Schulz von Thun, 1981).

Authentizität wird somit aufgegeben, um Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Nähe zu erleben.

Dieses erlernte Verhalten, in dem man sich nicht authentisch, also wahrheitsgemäß, zeigt, wird dann auch auf das spätere Leben angewandt, wobei der narzisstische Mensch durch ein duales Selbstbild geprägt ist. Dies bedeutet, dass er wie aus zwei Teilen besteht – einerseits dem negativen abgewerteten Selbstbild und andererseits einem überhöhten und verzerrten Selbst, das jede Verletzlichkeit völlig leugnet und sich perfekt und selbstsicher nach außen präsentiert. Zwischen diesen zwei Selbstbildern, dem zutiefst negativen und der positiven Kompensation schwankt der narzisstisch geprägte Mensch, was auch in seinen Handlungen und seiner ambivalenten, nicht wertschätzenden Haltung sich selbst gegenüber sichtbar ist (Sachse, 2002).

Der Wunsch eines solchen Menschen ist es vor allem Sicherheit in Beziehungen zu haben – also ein gewisses Maß an Kontrolle, um mit der heftigen Angst vor Trennung und Entwertung umgehen zu können. Dabei möchte er Entwertung vermeiden. Ein narzisstischer Mensch „benutzt“ Beziehungspartner, um seiner existenziellen Angst zu begegnen.

Die unreife Liebe: „Ich liebe dich, weil ich dich brauche.“
Die reife Liebe: „Ich liebe dich, weil du du bist.“
Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, 1956

Menschen mit Narzissmus haben es meist in der Kindheit nicht erlebt, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse Beachtung verdienen und Wert haben. Sie mussten ihr natürliches Erleben von Gefühlen verstecken und verdrängen, da sie dafür durch Entzug von Wertschätzung und Nähe (Bindung) bestraft wurden. Sie haben es dadurch nicht gelernt konträre zwischenmenschliche Bedürfnisse in einem wertschätzenden Austausch zu verfolgen und zu verhandeln und vertrauen der Selbstoffenbarung im Dialog nicht: Sie haben Angst sich zu zeigen wie sie sind.

Narzisstische Menschen sind die Kinder autoritärer Strukturen und einer Erziehung, die ihre Bedürfnisse nicht anerkannt und gewürdigt hat. Narzisstische Eltern führen oft zu späteren narzisstischen Störungen ihren erwachsenen Kindern. Narzisstisch geprägte Menschen neigen wiederum dazu narzisstisch geprägte (dominante/unterwürfige) Partner zu haben. Es sind Kreisläufe die sich fortan selbst speisen und seit Generationen wiederholen. Der Kern dessen ist die mangelnde Anerkennung von Gefühlen und der dahinter liegenden Bedürfnisse. Den Betroffenen fehlt es an Vertrauen in die Kommunikation dieser elementaren menschlichen Regungen. Dieser Mangel der Fähigkeit sich authentisch mit sich selbst und anderen zu verbinden, erzeugt große Ängste – der Mensch ist isoliert, einsam und von sich entkoppelt. Sein Denken und Handeln ist dabei destruktiv, da von der Wahrheit entfernt.

Die Strategie, um mit dieser Angst in Beziehungen umzugehen, ist Kontrolle zu erlangen, indem man sich selbst mit seinen Bedürfnissen dem Beziehungspartner in der Hoffnung auf Anerkennung und Zugehörigkeit unterordnet oder es schafft, dass der Partner seine Bedürfnisse bereit ist aufzugeben. So sind narzisstische Menschen erkennbar an Verhalten, Sichtweisen die von Befürwortung von Unterwerfung und Dominanz geprägt sind. Diese korrespondieren mit den zwei konträren Selbstbildern, dem Negativen und dem Überhöhten. Das spiegelt sich in unbewussten Annahmen, die zu einer Lebenshaltung werden und ihre Beziehungen prägen:

Negatives Selbstkonzept:
„So wie ich wirklich bin, bin ich nicht okay.“
„Ich bin nicht wichtig und verdiene keine Wertschätzung.“
„Wenn andere sehen, wie ich wirklich bin, werde ich bestraft und verlassen.“
„Ich werde nur geschätzt, wenn ich mich den Erwartungen anderer unterwerfe und sie erfülle.“
„Ich muss so sein, wie andere es wollen.“
„Meine Gefühle und Bedürfnisse haben keinen Wert.“
„Ich mache es immer falsch.“
„Ich muss mich hergeben und aufopfern.“
„Nur wenn ich gebe, werde ich geschätzt.“
„Ich muss anderen dienen, um Teil zu sein.“
„Ich muss mehr leisten. Ich muss (immer) was tun.“
„Ich kann jederzeit bestraft werden, wenn ich es falsch mache.“
„Ich muss mich um die Bedürfnisse anderer kümmern.“
„Meine Gefühle haben keinen Stellenwert.“
„Egal was ich mache, es ist nicht genug, dass ich mich sicher fühlen kann.“

Überhöhtes Selbstkonzept:
„Ich habe das Sagen und entscheide.“
„Ich mache es immer richtig und perfekt.“
„Ich verdiene mehr Beachtung und Wertschätzung als andere.“
„Andere sind dazu da, um meine Bedürfnisse zu erfüllen.“
„Jede Kritik an mir macht mich zornig und ist grundlos.“
„Alle sollen sehen, wie viel ich kann.“
„Ich bin besser und besonderer, als andere.“
„Ich verdiene mehr, als andere.“
„Wahrheit ist, was ich wahrnehme.“
„Ich muss nichts geben.“
„Gefühle bedeuten Schwäche.“
„Ich weiß bereits alles.“
„Andere sollen was für mich tun.“
„Ich bin groß und das Zentrum.“
„Mein Recht hat Vorrang.“
„Ich habe gar keine Angst.“
„Egal was ich mache, es ist nicht genug, dass ich mich sicher fühlen kann.“

In den meisten Fällen sind beide Selbstbilder erkennbar, wobei eines davon als die primäre Bewältigungsstrategie in Beziehungen vorherrschend sein kann. Der unterwürfige Mensch ist somit narzisstisch genauso wie der dominante (Sachse, 2002), wobei hier der Übergang zur sog. „Dependenten Persönlichkeitsstörung“ fließend verläuft, genau so, wie zur „Histrionischen Persönlichkeitsstörung„. Der narzisstische Mensch ist immer zu einem Grad dependent und unauthentisch.

Der narzisstische Mensch oszilliert zwischen teils konträren Handlungen, Gedanken rund um diese zwei konträren Selbstbilder. Dabei ist er vor einer wesentlichen Angst vor Entwertung und Kritik, geprägt, die starke Abwehrreaktionen (Wut und/oder Trauer) hervorrufen kann.

Das Hauptmotiv eines solchen Menschen ist es Sicherheit in der Bindung und Beziehung zu erhalten. Wenn durch Unterordnung eigener Bedürfnisse diese Sicherheit erlangt werden kann, dann stellt das ebenfalls ein gewaltvolles (masochistisch-autodestruktives) Mittel dar, um Kontrolle über die Beziehung zu haben und dabei Beachtung, Wertschätzung, Fürsorge und Nähe einzufordern. In diesem Sinne, ist der unterwürfig-narzisstische Mensch auch gewaltvoll-dominant. Das Gegenteil der eigenen Unterwerfung ist eine primär sichtbare Dominanz, die bis zum Sadismus, also der Freude über die Kontrolle des anderen, reichen kann. Man spricht hier vom sado-masochistischen Charakter (Fromm).

Diese große Angst vor Entwertung und damit dem drohenden Verlust der Bindung narzisstisch geprägter Menschen führt zu einem umfassenden Arsenal an sehr destruktiven, intransparenten Bewältigungsstrategien. Diese sind verschieden stark ausgeprägt, je nachdem, ob es sich um eine Person mit „narzisstischen Persönlichkeitsanteilen“ handelt, oder, um eine tatsächliche pathologische „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Hier ein Blick auf das Ausmaß solcher destruktiven Handlungen und Haltungen, die teils gesellschaftlich verbreitet sind:

Mangelnder Zugang zu seinem wahren selbst, seiner Gefühlswelt. Da narzisstische Menschen, um in der Gesellschaft zu funktionieren, ihre Angst vor Zurückweisung unterdrücken müssen, haben sie oft große Teile ihrer Emotionalität verdrängt. Dies umfasst auch ihre Wut (und Angst) auf die, vor denen sie entwertet werden oder auch die Wut (und Angst) auf die, denen sie sich unterordnen. Sie haben nur wenig Zugang zu ihrem Innenleben und Gefühlen. Ähnlich haben sie auch wenig Zugang zu den Emotionen anderer. Wenn Wut unterdrückt wird, ist oftmals die Trauer (Depression) das vorherrschende Gefühl, das die eigene Machtlosigkeit kennzeichnet. Gleichzeitig hat der Betroffene auch keine Anerkennung und Wertschätzung für die Gefühlswelt anderer. Er hat beschränkten Zugang zu seinen Gefühlen und zu den Gefühlen seiner Mitmenschen und dadurch wenig Empathie, oder nur selektives Mitgefühl, wenn er sich in seinen Bedürfnissen nicht bedroht fühlt oder gerade seine Angst und Abwertung nicht auf andere projiziert.

Entwertung anderer. Um der Gefahr zu entgehen, entwertet zu werden und um die Erfüllung seiner Bedürfnisse sicherzustellen, sind narzisstische Menschen sehr aktiv in der negativen Beurteilung anderer und der Aufwertung ihrer selbst. Die Entwertung anderer soll auch das eigene negative Selbstwertgefühl stabilisieren (Adler, Fromm, Sachse). Dazu bedienen sie sich statischer, bewertender, vorwurfsvoller, Bedürfnisse invalidierender und strafender Sprache. Erkennbar ist zudem die Angst vor Schwäche, was auch immer als „schwach“ sozio-kulturell angesehen wird. Der narz. Mensch möchte perfekt, stark, machtvoll sein und wertet die Schwachen in der Gesellschaft durch Projektion seines eigenen Wunsches nach Größe und Stärke ab. Im pathologischen Extremfall ist diese Abwertung eine zerstörerische Verachtung ohne jegliches Mitgefühl (bis zur Soziopathie). Ein prominentes Beispiel ist dafür Donald Trump.

Die Entwertung von Beziehungspartnern spielt eine wesentliche Rolle. Der narzisstisch geprägte Partner möchte Kontrolle über die Bindung zum Gegenüber erhalten, um seine Bedürfnisse durchsetzen zu können und um der Angst vor Ablehnung und Trennung zu entrinnen. Er möchte auch Nähe und Distanz kontrollieren können. Dies betrifft einerseits den dominanten Typ als auch den unterwürfigen – beide haben nur einen anderen Ansatz durch Vorwürfe und Schuld ihren Partner zu entwerten und zum Handeln zwecks ihrer Bedürfniserfüllung zu bewegen. Oftmals ist das Ziel, den Partner in eine Abhängigkeit zu bringen: „Du bist schuld, sorge für mich.“; „Du bist schwach, ich sorge und entscheide für dich.“; bzw.: „Gib mir Beachtung und Fürsorge, ich komme nicht klar.“

Der Beziehungspartner wird zur Projektionsfläche für den eigenen Anspruch nach Perfektion und „Unverwundbarkeit“. Der Mensch mit Narzissmus scheint seinen Partner, so wie das Neugeborene Kind seine Mutter, als einen Bestandteil seiner selbst wahrzunehmen (Fromm, 1956). Auch der Partner muss somit perfekt sein „und es richtig machen“, damit der narzisstische Mensch seiner Angst vor Entwertung durch andere begegnen kann. Dabei will er seinen Partner mit Wertungen und Sanktionen verändern und „sich zurechtschnitzen“. Er zeigt dabei wenig Verständnis und Wertschätzung für die individuellen Bedürfnisse und die Einzigartigkeit seines Partners und ist von diesen verunsichert.

Die Sehnsucht nach kontrollierter Symbiose in der Partnerschaft. Narzisstische Menschen in Beziehungen scheinen sich quasi „in den Mutterbauch zurück zu sehnen“ (Fromm) in dem sie bedingungslose Verbindung und den Eindruck von nährendem Schutz und Einheit erfahren haben, ohne den Schmerz der Ablehnung in der Außenwelt. Dieser Wunsch nach Symbiose wird vor allem am Anfang von Liebesbeziehungen deutlich, in denen der narz. Mensch durch Charme, Spiegelung (Unterordnung seiner wahren Bedürfnisse) und Wertschätzung zunächst eine starke Nähe herstellen kann und zum potenziellen „Traumpartner“ avanciert, um danach in die Kontrolle der Beziehung und des Partners überzugehen. Spielt der Partner nicht mit, kommen Angst, Wut und Trauer hoch – der Partner wird, beschuldigt, gestraft und eingeschüchtert.

Kontrollverhalten & Zwanghaftigkeit. Aufgrund der starken unbewussten Ängste vor Kontrollverlust in Beziehungen und vor einer plötzlichen Ablehnung, beharrt der narz. Mensch darauf seine Beziehungspartner und sich selbst zu kontrollieren, um „es richtig zu machen“. Er zeigt ev. einen Mangel an Spontanität, Improvisationsbereitschaft und Flexibilität. Er kann sich schwer „fallenlassen“, genießen und „abschalten“. Aufgrund seiner Selbstoffenbarungsangst und Angst vor Kritik bevorzugt er Interaktionen, wo ein Grad der Kontrolle (auch durch Unterordnung) und Selbstdarstellung möglich sind. Manchmal äußert sich die Angst im Kontrollverhalten gegenüber anderen
unter dem Vorwand des „sich Sorgens“, „dem rigiden Beharren auf ethisch korrektem Verhalten“ und anderen rigiden Zwängen die projiziert und beim Anderen bekämpft werden – dabei kontrolliert der Betroffene sich selbst, so wie er seine Mitmenschen kontrollieren will.

Grundgefühl: unbewusste Angst. Der narzisstische Mensch ist zutiefst verängstigt, dass er zurückgewiesen werden könnte und die Bindung zu seinen Nächsten verloren geht. Er hat Angst vor Herabwertung und anderen Strafen, die seine (meist unbewussten) Bedürfnisse negieren. Er hat Angst „es falsch“ zu machen und zeigt eine ausgeprägte Versagensangst – fühlt sich permanent von Anderen beobachtet und bewertet. Gleichzeitig leugnet er aber diese Angst – er hat dazu den Zugang verloren, da diese Angst unerträglich ist. Er zeigt sich sogar manchmal angstfrei und risikobereit, wenn er sich damit vor anderen aufwerten kann. Die Folge davon ist innere Unruhe, die bis zu Angststörungen (und starken Depression) reichen kann, denn der eigentlichen (meist unbewussten) Ursache für die Angst kann der narzisstische Mensch nicht wirksam dauerhaft begegnen.

Vorurteile, Rechtfertigungsstrategien und sogar eine Verschwörungsmentalität, um anderen Menschen schlechte Absichten und Minderwertigkeit zu unterstellen und damit einerseits mit der eigenen Angst umzugehen, andererseits, um die Bedürfnisse dieser Menschen klein zu machen und das eigene Handeln „als richtig“ zu belegen, werden oft von Menschen mit Narzissmus angewandt. Vorurteile, Aberglaube und Verschwörungen werden benutzt, um unbewussten Bedürfnissen zu begegnen – ganz besonders dem Bedürfnis nach Freiheit, das durch autoritäre Erfahrungen in Beziehungen oft ganz stark angstbehaftet ist (siehe dazu Artikel Covid-Gegner). Es fällt den Betroffenen schwer die Wirklichkeit zu erkennen, da sie durch ihre Angst und Projektionen verzerrt ist.

Starke emotionale Regungen von Wut und Trauer. Wenn sich narzisstische Menschen entwertet oder bedroht fühlen, erfahren sie starke Emotionen für die sie ihr Gegenüber beschuldigen können und so zum Halten der Bindung oder Erfüllung der eigenen Bedürfnisse bringen möchten. Hier ist auch eine Schwelle hin zur Histrionischen Persönlichkeitsstörung, dem manipulativen Einsatz von Gefühlsregungen, fließend, als auch zur Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Intransparenz. Narzisstische Menschen haben Schwierigkeiten ihre Bedürfnisse zu erkennen und diese auf direktem Wege anzusprechen, da sie Angst haben dafür beschuldigt oder negiert zu werden. Sie verfolgen somit ihre Bedürfnisse auf indirektem Wege durch intransparente Strategien, die durch Argumente von „richtig und falsch“; „Scham und Schuld“ gestützt werden, um die Bedürfnisse anderer zu invalidieren und bestimmte Handlungen und die Erfüllung eigener Bedürfnisse (Fürsorge, Mitgefühl, Zuwendung, Wertschätzung, etc.) zu erzwingen (Rosenberg, 2001). Solche Menschen haben meist auch eine ausgeprägte Selbstoffenbarungsangst.

Hin- und Her in Beziehungen und Beziehungsangst. Narzisstisch geprägte Menschen haben eine große Sehnsucht nach Nähe, aber zugleich Angst, dass in Beziehungen ihre Bedürfnisse auf der Strecke bleiben oder sie entwertet werden. Sie gehen schnell auf Distanz, wenn sie Angst haben selbst verlassen oder entwertet zu werden. Dazu gehört auch eine Angst vor Nähe, da diese eine Selbstoffenbarung und Verletzlichkeit, somit potenzielle Ablehnung, mit sich bringt. (Strategie: z.B. Polyamorie) Narzisstische Menschen ziehen einander in Beziehungen an, wenn sie von ihrem unterwürfigen (Bestätigung geben müssen) und dominanten (Bestätigung einfordern) Anteil zusammenspielen und so einen Eindruck an Kontrolle über die Bindung erwecken. Oftmals sind solche Bindungen nur von kurzer Dauer, da der narz. Partner schnell „das Interesse“ verliert, wenn der Partner im Abhängigkeitsspiel um Kontrolle nicht mitmacht.

Konfliktscheu oder konflikthaft. Wenn die unterwürfige Seite überwiegt, können solche Menschen konfliktscheu und wutgehemmt sein – sie setzen sich für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse nicht wirklich ein und sind sehr anpassungswillig und voller Selbstzweifel und Ängste. Wenn das überhöhte dominante Selbstkonzept in Beziehungen überwiegt, können andauernde verletzende Diskussionen und Konflikte die Folge sein bei geringer Anpassungswilligkeit. Differenzen werden bei beiden Haltungen nicht konstruktiv im transparenten Dialog gelöst.

Starkes projektives Denken und Urteilen. Die negativ behafteten inneren Anteile von narz. Menschen werden in ihren Mitmenschen „erkannt“ (unterstellt) und bekämpft. Unterdrückte eigene Bedürfnisse werden ebenso durch andere wachgerüttelt und durch Abwertung bekämpft. Alle potenziellen Gefahren, die Angst vor Ablehnung und Minderwertigkeit erzeugen, werden ebenfalls angegriffen und abgewertet. Ein pathologisch narzisstischer Mensch lebt in einer durch starke Projektionen eigener Ängste verzerrten Realität und ist in Beziehungen immer in Alarmbereitschaft und auf der Hut.

Angst vor dem Fremden, großer Wunsch nach Harmonie, Einheit und Gleichklang. Wer einem fremd ist, wer anders ist, wird auch andere Bedürfnisse haben. Wenn Menschen einander ähnlich oder „gleich“ sind, kann diese Angst gelindert werden. Ein Mensch mit Narzissmus hat eine große Sehnsucht nach Einheit und Gleichklang. (destruktive Strategien dazu: Abwertung, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit, Faschismus, Nationalismus, Extremismus, Zwang: „Man muss…“ und Unterordnung).

Unbewusstes manipulatives Verhalten. Ein narzisstischer Mensch weiß nicht genau, wie er authentisch seine Bedürfnisse verfolgen kann, indem er sie direkt ausdrückt und mit den Bedürfnissen anderer in Kontakt bringt. Er kann lediglich Mitmenschen durch eine wertende Sprache der Urteile, Vorwürfe, von richtig und falsch, Gut und Böse dazu bringen kann seine Bedürfnisse zu erfüllen (Rosenberg, 2001). Dazu gehört auch sich zum Opfer der Taten anderer zu stilisieren, um durch Scham und Schuld auf sie Druck ausüben zu können. Die eigentlichen Bedürfnisse sind dem Betroffenen dabei meist unbewusst – er ist aus Angst vor Ablehnung von seiner inneren Wahrheit abgetrennt – er lehnt sich selbst damit ab.

Zurschaustellung eigener Grandiosität & Besonderheit oder der eigenen Bedürftigkeit und des Opferdaseins, um die Handlungen anderer (Bewunderung, Beachtung oder Fürsorge) zu beeinflussen und sie dazu zu bringen die Bindung zu halten. Menschen mit Narz. versuchen in der Kommunikation möglichst viel darüber ihrem Gegenüber zu vermitteln – sie testen unbewusst ihr Gegenüber, ob ihre Strategie, um Bindungssicherheit zu erlangen, aufgehen kann. Wenn Unterwürfigkeit, großer Anpassungswillen und das Leisten von Fürsorge (Helfen) als Mittel eingesetzt werden, um Kontrolle über die Bindung und Wertschätzung zu erlangen, sucht ein narz. geprägter Mensch ein passendes Gegenüber in Form eines dominanten/hilfsbedürftigen narz. Menschen.

Sexualisiertes Verhalten, Attraktivität und Verführung können angewendet werden, um rasch Nähe herzustellen und damit die Zuneigung, den Bindungswunsch der Gegenseite zu erhalten. Verführerisches Verhalten wird so eingesetzt, um Kontrolle und Sicherheit über die Beziehung zu bekommen. Dabei wird das Gegenüber ev. zunächst gelobt und im Verhalten, bei den Präferenzen durch Anpassung gespiegelt (Unterwürfigkeit), um Nähe und Sicherheit herzustellen.

Angst vor Verlust der Freiheit, Angst vor autoritärer Macht und gleichzeitig Unterordnung unter irrationale Autoritäten und Bewunderung dieser. (Fromm) Hier zeigen sich wieder beide konträren Selbstkonzepte. Der unterwürfige oder angsterfüllte Umgang mit Autorität, bzw. selbst Autorität sein zu wollen zeigt sich an extremen politischen Haltungen (Rechtsextremismus, Anarchismus) und auch an Einstellungen zu Religiosität, Aberglaube, Fundamentalismus und eben zur Freiheit (Autoritäre Dynamiken, 2020).

Starke Psychosomatik. Betroffene unterdrücken große Anteile ihres emotionalen Erlebens und ihrer inneren Wahrheit – ihrer Bedürfnisse. Die durch unterdrückte Gefühle sich anhäufenden biochemischen Prozesse im Körper führen oft zu starken psychosomatischen Reaktionen und chronischen Krankheiten. Da die Gefühle unbewusst sind, kann ihnen auch nicht begegnet werden – sie können sich nicht „entladen“ und richten fortwährend Schaden durch Stress an.

Streben nach Kontrolle und Macht. Menschen mit Narzissmus streben je nach Stärke ihrer Ängste nach Positionen innerhalb von Beziehungen und Gesellschaft, die ihnen Macht über andere Menschen geben und deren Anerkennung und Bewunderung garantieren. Popkultur, Wirtschaft und vor allem Politik sind beliebte Bühnen hierfür. Kern ist das Bedürfnis nach Sicherheit in Beziehung zu anderen.

Orientierung an Leistung, Anpassung und Perfektionismus. Menschen mit Narzissmus glauben, dass sie etwas „tun müssen“, um Anerkennung, Bindung zu erhalten. Sie sind dabei getrieben von starken Ängsten. Da wir in einer normativen Leistungskultur leben, glauben sie, dass wenn sie „viel leisten“ von dem, was von der Gesellschaft anerkannt ist, sie dann Wertschätzung erhalten werden (Sachse, 2002). Geld, Luxus und Macht oder „Berühmtheit“ sind in der Gesellschaft anerkannte Symbole für Leistung und führen meist zu Bewunderung, Wertschätzung und Teilhabe. So definieren viele Menschen mit Narzissmus ihren Selbstwert durch Arbeit und den erreichten Wohlstand oder anderen sozialen Normativen (z.B. Konsum). Sie haben dabei eventuell Ängste vor Verlust des Status und Wohlstands, was sich in der konservativen, „hortenden Persönlichkeit“ (Fromm) spiegeln kann. Die Konsequenzen sind die Ausbeutung, Abwertung anderer oder Selbstausbeutung bis hin zum Burnout.

Verdrängung eigener Verletzlichkeit. Menschen mit Narzissmus leugnen oft ihre Schwierigkeiten, da sie Verletzlichkeit als Schwäche wahrnehmen und befürchten aufgrund dieser zurückgewiesen zu werden. Die inneren Ängste verhindern auch oft eine Konfrontation. Die eigene Verletzlichkeit ist der Motor aller narzisstischen Bewältigungsstrategien und Ängste. Im Extremfall einer starken Pathologie kann das Abwertungs- und Kontrollverhalten auch zerstörerische, sadistische Züge aufweisen in denen der Täter die Angst vor seiner eigenen Schwäche und Abwertung dadurch an seinem unterlegenen Gegenüber bekämpft, dieses ev. sogar zerstören will (z.B. Judenverfolgung im 2. W.K., Diskriminierung).

Bewältigung durch Arbeit und Tätigsein. In seiner Beschäftigung des narzisstischen Menschen spiegelt sich die Strategie seinen Ängsten indirekt und unbewusst zu begegnen. Manche „unterwerfen“ sich der Arbeit, die sie tun und den Anforderungen darin, da Anerkennung durch Erfolg in der Arbeit die einzige Weise für sie ist ihren Ängsten produktiv zu begegnen. Signifikant ist hier das Verhältnis zu Kontrolle, Leistung und Autorität. Die Arbeit und das Leisten können dann die oberste Priorität im Leben bekommen. Dabei werden eigene Grenzen nicht gewahrt – es kommt zu Verausgabung, dann zu Burnout und ev. sogar zu Panikattacken, wenn der narzisstische Mensch sieht, dass er nicht mehr fähig ist Leistung zu bringen – machtlos und erschöpft wird er dann von seinen Ängsten überrollt. Die meisten Menschen kompensieren wahrscheinlich durch ihre Arbeitsbeziehungen die Form von Beziehungen, Hierarchien und Schuldgefühlen aus der Kindheit.

Eigene Grenzen und Grenzen des Gegenübers nicht sehen können. Es wirkt so, als ob Menschen, die narzisstisch sind, Bedürfnisse und damit verbundene Grenzen von anderen immer wieder überschreiten und dabei auch ihre eigenen Grenzen nicht erkennen können. Dazu kommt eine hohe Risikobereitschaft ihre Gesundheit, ihre Unversehrtheit, ihr Wohl aufs Spiel für Anerkennung, Sichtbarkeit & Freiheit zu setzen. Der unterwürfige Mensch mit Narzissmus kann glauben „er müsse sich ganz hergeben, aufopfern, um Zugehörigkeit zu erfahren“ – er liefert sich dadurch schutzlos den Gefahren des Lebens aus, kann Nähe und Distanz nicht effektiv regulieren (Übergang zu Borderline).

Sexuelle Phantasien und Träume sind die Spielebene der narz. Bewältigungsphantasien und geben Aufschluss zu inneren Überzeugungen über Bindung: „Wenn ich Lust und Verbindung erleben möchte, muss ich mich unterwerfen.“ bzw. „Ich kann nur Verbindung und Lust zulassen, wenn ich die Kontrolle habe.“ Auch Träume (und das freie Kunstschaffen) sind Umsetzungen für in der Realität nicht tatsächlich erlebbare, da gesellschaftlich geächtete, narzisstische Bewältigungsphantasien (siehe Musikvideo am Ende des Beitrags). Die Popularität dieser Kunst und die Akzeptanz und pot. Identifikation von Zuschauern damit, ist ein besorgniserregendes Maß für die Verbreitung von narzisstischen Störungen.

Selbstzentrisches Realitätswahrnehmen. Narzisstische Menschen können wie ein Neugeborenes immer noch glauben, dass alles, was um sie passiert, mit ihnen zu tun hat. (Freud; Fromm) Sie sehen keine Grenzen zwischen sich und anderen Menschen und dem Umfeld. Sie glauben, dass Handlungen anderer maßgeblich mit ihnen zu tun haben.

Nähe zu Kriminalität. Wer andere entwertet, sich über sie stellt und glaubt, es wären die Anderen, die einem „etwas schulden“ würden, der kann es für sich selbst auch rechtfertigen über Grenzen und Gesetze zu gehen, um diese Annahme in Taten umzusetzen. Wer sich selbst unterordnet und unterwirft, kann von Anderen das Gleiche erwarten (duales Selbstbild). Andererseits können primär unterwürfige Menschen dazu neigen sich nicht rechtzeitig vor drohenden Übergriffen schützen zu können. Narzisstische Menschen werden so öfter Opfer von Menschen mit Narzissmus. Ein narzisstischer Mensch kann bei einer hochgradigen Pathologie auch starke antisoziale und soziopathische Züge aufweisen – hier ist die Bereitschaft zur physischen Gewaltanwendung stark. Das wovor sich so ein Mensch fürchtet, das er als pot. Bedrohung bekämpfen will, wird dann nicht mehr nur abgewertet sondern kann Auslöschungsphantasien und Affekt zum Opfer fallen. Ein Beispiel solcher soziopathsichen Phantasien: TITANE, Gewinnerfilm Cannes 2021

Flucht in das Sippendasein. Narzisstische Menschen flüchten in Systeme, Gruppen von Gleichgesinnten, patriarchale Männerzirkel usw., um Bestätigung und Wertschätzung zu erfahren, Macht über andere zu haben und diese abzuwerten. Der Nationalismus, Religion, soziale Klassen und Hierarchien von Konsumenten sind der Klebstoff für den breiten kollektiven Narzissmus in unseren Gesellschaften.

Unsere gesellschaftlichen Faktoren, also unsere Leistungskultur, die gegenseitige Ausbeutung der Menschen im globalen Kapitalismus, repressive Religionen, patriarchale Strukturen, leistungsorientierte Erziehung, konkurrenzbasierte Bildung und eine statische, bewertende Sprache als top-down Machtmittel sind leider die Triebfedern des Narzissmus in unseren Gesellschaften. Der Markt mit manipulativer Werbung und Social Media als Kanälen der psychologischen Einflussnahme auf Konsumenten befördern den individuellen Narzissmus, indem sie den Eindruck generieren, „man sei und habe nie genug“ und „man könne sich Wertschätzung durch Konformität mit Trends und Marken erkaufen“. Der Mensch wird zu einem Marketinginstrument seines selbst. Brands und Celebs werden zu Götzen, wie früher die Götter für den Menschen waren, denen er sich für die Erfüllung seiner Bedürfnisse unterwarf (Fromm). Jede Art der Unterordnung und „blinder“ Konformität, ohne mit den eigenen Bedürfnissen tatsächlich im Einklang zu sein, kann als „narzisstisch“ angesehen werden.

Autoritarismus ist gleichzeitig die Ursache für, als auch die Folge von Narzissmus, denn jeder Autoritarismus missachtet individuelle Bedürfnisse. Autoritarismus und Individualismus sind konträr zueinander. Die jährlich erscheinende „Leipziger Autoritarismusstudie“ belegt, wie weit autoritäres Denken in Deutschland befürwortet wird und ist somit auch signifikant für die Ausbreitung von Narzissmus. Bei zirka 50 Prozent aller BürgerInnen lassen sich „autoritäre Tendenzen“ feststellen. Generell gibt es kaum einen Menschen, der frei von destruktiven Handlungsstrategien wäre, denn jeder hat sog. „narzisstische Kränkungen“ in seiner Kindheit erlebt.

Kollektiver Narzissmus bedeutet, dass die Summe aller individuellen Kränkungen und Abwertungen sich in dem narzisstischen Verhalten einer ganzen Gruppe zeigt (Reich, 1933). Kollektiver Narzissmus kann aber auch auf der Entwertung und Kränkung einer ganzen Gruppe (Nation, Ethnie, Gender) beruhen. Dieser kollektive Narzissmus wird leicht von Politikern, die selbst narzisstisch zu sein scheinen, wie Trump, Bolsonaro, Duerte, Orban, Putin, Netanjahu, Le Pen oder Kaczyński bei ihren Wählern angesprochen und befördert (Wirth, Busch, Toros, Nai). Sie versprechen dabei eine Rekompensation für die erlittenen Kränkungen in Form des Nationalismus und Zugehörigkeit „für die auserwählten guten BürgerInnen“. Sie spalten die Gesellschaft in „Gut und Böse“ und erhalten so Macht, Bestätigung und Kontrolle über Millionen von Menschen, die sich selbst in ihren Anführern erkennen (Identifikation nar. Anteile) und deren narzisstische Ängste aktiviert wurden (Wirth, 2007). Psychologisch ähnlich funktionieren jegliche andere „irrationale Autoritäten“ (Fromm), deren Macht nicht in ihrer eigentlichen Kompetenz den Menschen zu helfen liegt, sondern in dem Versprechen „nach Aufwertung und Zugehörigkeit“: Religiöse Führer, Gurus, Influencer, etc.

Narzissmus mit all seinen destruktiven Bewältigungsstrategien fördert Gewalt in Beziehungen und in unserer Gesellschaft, wie nichts Vergleichbares. Narzisstische Menschen sind gleichzeitig Opfer und Täter von psychischer und körperlicher Gewalt.

Die Psychotherapie von stark narzisstischen Menschen gestaltet sich äußerst schwierig, da sie sehr starke Abwehrmechanismen haben, die sie vor der Konfrontation mit der eigenen Tiefe, Verletzlichkeit und Angst schützen sollen. Man kommt schwierig an ihre Verletzlichkeit und korrespondierende Gefühle heran. Wie auf dem Gemälde „Narziss“ von Caravaggio von 1599 zu sehen, sieht der narzisstische Mensch nur sich selbst in einem von den Wasserbewegungen flotativen und verzerrten Bild. In der Spiegelung sieht er nur eine Wirklichkeit, die in sein Bild von sich selbst passt.

Ein Mensch mit Narzissmus hat einen spezifischen Blick auf Beziehungen: entweder sich unterordnen zu müssen oder andere zur Unterordnung zu bringen.

Im Umgang mit narzisstisch geprägten Menschen stehen im Vordergrund vor allem das beharrliche Ziehen und Halten von Grenzen und ein anerkennender authentischer Austausch über Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse, der das Gegenüber nicht angreift, entwertet oder beschuldigt. Wichtig ist es sich dabei jeglichen Schuldvorwürfen und Manipulationen entgegenzustellen. Gleichzeitig kann man versuchen mit den eigentlichen Bedürfnissen des Gegenübers in emphatischen Kontakt durch Befragung zu kommen und dafür echte Wertschätzung zu zeigen. So können wir die Spirale der unauthentischen Kommunikation und Gewalt unterbrechen und langsam Vertrauen generieren. Menschen mit Narzissmus haben jedoch meist eine sehr starke Abwehr gegen einen Blick „nach Innen“ und die Konfrontation mit dem Unbewussten (Sachse, 2002). In Beziehungen zu einem Mensch mit Narzissmus ist meist eine Trennung unausweichlich, um sich selbst zu schützen.

Demokratie, Individualismus, Freiheit, Solidarität, Antidiskriminierung, Anerkennung, Gewaltprävention, Förderung wertschätzender wahrhaftiger Begegnung, innerhalb der Menschen sich so zeigen können, wie sie sind und wie sie wirklich fühlen, helfen das breit verbreitete Phänomen Narzissmus in der Gesellschaft zu reduzieren.

Authentizität & Verletzlichkeit vs. Narzissmus – das sind zwei entgegengesetzte Pole. Je mehr Authentizität und Akzeptanz der eigenen Verletzlichkeit, um so weniger narzisstische Destruktivität. Methoden wie die Gewaltfreie Kommunikation können Menschen dabei effektiv unterstützen langsam den Weg in echte Verbindung durch Transparenz von Gefühlen und Bedürfnissen zu finden und wieder vertrauen zu können. Menschen mit diagnostizierten Narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann mit einer längerfristigen professionellen Psychotherapie geholfen werden, wobei die GFK durchaus als Praxis authentischer Kommunikation und Zugangs zu sich selbst begleitend eingesetzt werden kann. Bei Menschen mit leichten narzisstischen Anteilen, die diese bereits ansatzweise reflektieren können, kann die GFK sehr wirksam helfen das Verhalten durch zielführende Strategien zu verändern und so zu mehr Lebensqualität führen.

Wenn psychische Gewalt durch gewaltvolle Sprache eine der Ursachen für Narzissmus ist, dann ist authentische, anerkennende und wertschätzende Sprache ein Teil der Befreiung davon.

Literatur:
 

Rainer Sachse: Histrionische und Narzisstische Persönlichkeitsstörungen, 2002
Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit, 1941
Erich Fromm: Wege aus einer kranken Gesellschaft, 1955 
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, 1956
Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität, 1977
Alfred Adler: Menschenkenntnis, 1927
Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus, 1933
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation, 2001
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden: 1, Störungen und Klärungen, 1981
Macht, Narzissmus und die Sehnsucht nach dem Führer, Hans-Jürgen Wirth, 2007
Demokratische Persönlichkeit, Hans-Joachim Busch, 2007
Autoritäre Dynamiken, Leipziger Autoritarismus Studie, Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg), 2020
The peculiar personality of strongmen – comparing the Big Five and Dark Triad traits of autocrats and non autocrats, Alessandro Nai & Emre Toros, 2020
Wikipedia: Narzisstische Persönlichkeitsstörung nach dem DSM-5

Narzissmus in der Popkultur: Die Mitglieder der Band „Rammstein“ reflektieren Gewalt und die Themen Nationalismus, Zugehörigkeit, Fremdenfeindlichkeit, Autoritarismus, Männlichkeit, Faschismus, Unterwerfung, Christentum, Angst, Schmerz, Verfolgung, Auslöschung, Führerkult, Krieg, Geburt, Einheit und Tod in ihrer provokanten, symbolisch massiv aufgeladenen Inszenierung. All die Themen und Symbole sind Teile einer narzisstischen Geisteswelt. Sie repräsentieren dabei durch ihren großen Erfolg und Millionen Followern auch die kollektiven narzisstischen Ängste und Bewältigungsphantasien der Masse.

Narzissmus hat verschiedene Intensitäten – jeder von uns hat bestimmte narzisstische Persönlichkeitszüge und Verhaltensweisen. Gefährlich sind sog. bösartige Narzissten die starke soziopathische Züge aufweisen.

GFK KURSTERMINE IN BERLIN:

GFK Einführungskurs 2 Tage: 22.-23. Oktober 2022

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